Thursday, March 15, 2007

Die Fans mucken auf

Source: Spiegel Online

Von Edgar Klüsener

Wucher bei den Tickets, Reglementierung im Stadion. Viele britische Fußballfans sind sauer. Einige belassen es nicht bei ihrem Ärger. Sie organisieren sich und gründen sogar eigene Clubs wie etwa in Manchester. Der Dachverband spricht von einem Aufstand der Fans.

Das Stadioncafé ist voll. Neben der Eingangstür hängt ein überdimensionaler Flachbildschirm, es läuft eine Fußball-Übertragung: FC Liverpool gegen Manchester United. Ein Traditionsspiel, eine Spitzenpartie, ein Hassduell. 0:0, Nachspielzeit. John O'Shea, in der 73. Minute eingewechselt, schiebt den Ball doch noch irgendwie ins Liverpooler Tor. Manchester siegt, Jubel. Die Fans grölen Slogans, die nicht immer jugendfrei sind.

Englische Fußballfans: "Sie behandeln uns wie Idioten"

Dabei hätten die Jungs im Café unter der Tribüne des Gigg-Lane-Stadions vom FC Bury guten Grund, ManU alles Schlechte zu wünschen. Sie sind abtrünnige United-Fans. Ihre Liebe gilt jetzt dem FC United of Manchester, der hier am Rande der Stadt in einer halben Stunde gegen Colne ein Heimspiel bestreiten wird. Der FC United of Manchester ist ein Rebellenclub, gegründet 2005 von einigen Tausend enttäuschter ManU-Fans, die sich nicht mit dem US-Amerikaner Malcolm Glazer als neuem Eigentümer Manchester Uniteds abfinden wollten. Verärgerung hatte es unter den Anhängern schon vor Glazers Aktivitäten gegeben.

"Wir fühlten uns vom Club nicht mehr ernst genommen", sagt Jules Spencer, einer der Gründer des FC United. "Die Übernahme durch Glazer war eigentlich nur der auslösende Faktor. Entscheidend war das Gefühl, dass bei Manchester United wie in der gesamten Premier League die Interessen der Fans kaum noch berücksichtigt werden. Und dieses Gefühl teilen wir mit den Fans vieler anderer Clubs." Spencer sieht gar eine Bewegung: "Was im Moment stattfindet, ist ein Aufstand der Fans gegen die Clubs, gegen eine Geschäftsmentalität, die in uns nur noch als eine garantierte Einkommensquelle sieht." Überhöhte Eintrittsgelder, Spielansetzungen Samstagmittag oder Sonntagabends. "Wir werden wie Idioten behandelt", schimpft Spencer.

Die Fan-Organisation "The Football Supporters' Federation" verkündet in einem Manifest, was ihrer Meinung nach faul im britischen Profifußball ist: Alles purer Kommerz, die Interessen der Fans blieben auf der Strecke. Dabei seien sie es doch, die in den Stadien für Atmosphäre sorgten und weite Reisen auf sich nehmen, um ihre Mannschaften zu unterstützen. Ohne die Fans sei Fußball nur noch ein Schattensport, sagen die "Supporters".

In ihrer Organisation haben sich Fans aus allen britischen Ligen zusammengeschlossen. Der umfangreiche Forderungskatalog beinhaltet unter anderem die Gründung eines zentralen Fußballverbandes, der für alle Ligen zuständig ist. Damit soll die bisherige Zersplitterung des britischen Fußballs unterhalb der Profiligen beseitigt werden. Auch wird in Anlehnung an das deutsche Vereinsrecht die Einführung eines Sonderstatus' für die Clubs gefordert. Zudem sollen die Fernsehgelder gerechter verteilt werden.

Fans kaufen sich bei ihren Clubs ein

Die Fans werden sich langsam ihrer potenziellen Macht bewusst, die Clubführungen beobachten die Entwicklung aufmerksam. Bei Manchester City, Bolton Wanderers oder dem FC Rochdale wurden bereits die Eintrittspreise gesenkt. Zur Besänftigung der Fans. Viele Anhänger investieren das Geld bereits, um sich in ihre Clubs einzukaufen. So erwerben sie Stimmrechte und können mitentscheiden. Über 100 so genannte "Fantrusts" gibt es in England, Schottland und Wales, 61 haben mittlerweile Anteile an ihren Clubs erworben. So genannte "Fantrusts" sind Eigentümer von Vereinen wie dem Drittligisten Brentford oder bestimmen beim Topclub FC Arsenal mit.

Fans gründen aber auch Trusts, um Übernahmen ihrer Clubs durch ausländische Investoren abzuwehren. Ein solcher Trust ist der Manchester United Supporters Trust. Der konnte noch verhindern, dass der Medienmogul Rupert Murdoch den Club seinem Firmenimperium einverleibte, musste aber passen, als dann Glazer nach und nach 97 Prozent der ManU-Anteile erwarb.

Doch der Trust gibt sich nicht geschlagen. Das neue Ziel ist die Beschaffung von ausreichend Kapital für den Erwerb eines stimmberechtigten Anteils an Manchester United. Auch die Fans des Stadtrivalen Manchester City haben seit Anfang März ihren eigenen Trust. Aber bringt das noch etwas, wenn der hoch verschuldete Club durch Investoren übernommen wird? Zuletzt verleibten sich kapitalstarke Unternehmen den FC Liverpool und den Londoner Club West Ham United ein.

Immerhin kann sich der FC United of Manchester über große Unterstützung freuen. In der neuntklassigen North West Counties Football League Division I kommen im Schnitt 3000 Fans zu den Heimspielen, bei Spitzenpartien ist auch der doppelt so große Zuspruch drin. Der Aufstieg in die höchste Spielklasse, die Premier League, ist das Fernziel. Gegen Colne wurde der nächste Schritt nach oben getan: Der FC United of Manchester siegte 6:2. Es war sogar eine Delegation aus Dortmund dabei. Nachhilfeunterricht in Sachen Aufstand. Es lebe die Revolution!

ZUR PERSON
Edgar Klüsener ist Nahosthistoriker und freier Journalist. Er lebt seit neun Jahren in Manchester. Klüseners deutsche Lieblingsvereine sind Borussia Dortmund und der Hasper SV. In England hat der 51- Jährige in einem Akt von Selbstkasteiung sein Herz an Manchester City vergeben.